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Der 1920er Wohntrend

Einfache, rustikale Schnörkellosigkeit in Architektur und Möbelbau ist wieder in. Zuweilen Industriestil genannt, wird der moderne Wohntrend von Art déco und Bauhaus inspiriert. Funktionalität steht an erster Stelle. Doch mit ein wenig persönlicher Kreativität kommt auch das Wohlfühlen nicht zu kurz.

Der Erste Weltkrieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts war für ganz Europa ein einschneidendes Ereignis, ein Trauma, das es nach 1918 zu überwinden galt. Aus den Trümmern der Vergangenheit sollte Neues, Modernes entstehen – etwas, das nicht an das Alte erinnerte, sondern auf die Zukunft verwies. Vor dem Ersten Weltkrieg bestimmten verspielte, detailverliebte Formen den Stil der Möbel in den gutbürgerlichen Häusern. Der sogenannte Jugendstil hatte mit Symmetrien gebrochen, gestaltete große Flächen mit floralen Elementen – alles wirkte irgendwie unschuldig, kindlich und auch ein wenig der Wirklichkeit entrückt.

Bauhaus und Art déco – strenger Industriestil mit verstecktem Dekor

Nach den Erfahrungen des Krieges und mit der einhergehenden Knappheit der Ressourcen waren Erfindungsreichtum, Kreativität sowie Mut zu neuen Formen gefragt. Die Unsicherheiten auf der Straße versuchten die Menschen mit Klarheit und Funktionalität in den eigenen vier Wänden zu kompensieren. Die in den 1920er Jahren in der Rückschau vorherrschenden Stile in Architektur und Kunst waren das französische Art déco und das deutsche Bauhaus mit den Zentren Weimar, Dessau und Berlin.

Wobei das Art déco noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und deutlich verspielter und – wie der Name schon sagt – dekorativer gestaltete als das Bauhaus. Strenge, einfach scheinende Formen mit flächiger floraler Darstellung in Bildern, Plakaten und Möbeln des Art déco verweisen noch leicht auf den Historismus und dessen antike Bild- und Formensprache. Das deutsche Bauhaus jedoch kommt gänzlich ohne Dekor aus. Vorherrschend sind geometrische Formen wie Würfel, Quader und Kreise; Reduktion auf das Wesentliche und Funktionale bei gleichzeitig ästhetischer, künstlerischer Schönheit sind das Credo des Bauhausstils, der zwar lediglich für die kurze Zeitspanne von 1919 bis 1933 gewirkt hat, aber dennoch inspirierend fortwirkt bis heute.

Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau

Das Zitat entstammt dem Bauhaus-Manifest von Walter Gropius aus dem Jahre 1919. Architektur und Kunst, theoretischer Entwurf und praktischer Bau sollten nicht mehr losgelöst voneinander existieren, sondern gemeinsam funktionale Kunst – künstlerische Funktion schaffen. Das Haus Wittgenstein in der Wiener Kundmanngasse beispielsweise ist deutlich vom Bauhaus inspiriert und wurde vom Philosophen Ludwig Wittgenstein selbst entworfen und mitgebaut. Die strengen, geometrischen Formen der äußeren Fassade setzen sich im Inneren fort und bilden so ein stimmiges Ganzes.

Was Art déco und Bauhaus eint, ist die Verwendung zuvor unüblicher Materialien für Möbel und Accessoires. Den sogenannten Industriestil macht schließlich aus, dass seine Erzeugnisse leicht und günstig reproduzierbar sind. Kunststoffe und Stahl, Chrom und Keramik ersetzen das Holz, das bis ins 20. Jahrhundert hinein als hauptsächliches Material für Gebrauchsmöbel fungierte. Dabei unterscheidet beide Stile wiederum voneinander, dass beim Bauhaus auch der Gebrauch von Farbe auf das Wesentliche – vor allem Weiß, Schwarz und Stahlgrau – reduziert ist. Bei den Gebrauchsgegenständen des Art déco können durchaus goldene und edelsteinfarbene Akzente hinzukommen und den Möbeln einen Hauch von Luxus verleihen.

Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers

Individualität ist gefragt wie selten zuvor. Dabei geht es jedoch nicht unbedingt darum, sich von der Masse abzuheben. Es ist mehr ein experimentelles Gestalten, das irgendwie unfertig aussieht, funktional und miteinander kombinierbar ist – wohnlich und futuristisch entrückt gleichermaßen. Da gibt es zusammenklappbare Bänke, Teleskopleuchten und die berühmten Freischwingerstühle, die mit gekonnter Statik und nachgebender Hartplastik auf die Hinterbeine verzichten können und dabei erst ein freies Sitzgefühl ermöglichen.

Mit den Möbeln und Accessoires aus den 1920er Jahren, aus Art déco und Bauhausstil, lassen sich Wohnlandschaften kreieren, die stets erweiterbar oder reduzierbar sind. Eine Schrankwand im Stil eines Spinds neben einem opulenten Ohrensessel aus schwarzem Samt sind hier kein Widerspruch in sich, sondern Ausdruck individuellen Geschmacks mit Sinn für außergewöhnliche Materialien und Design.

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